Geldkunst

Wünsche werden Wirklichkeit*

Bei relativ 50, zweite Generation entwertet Martin Schröder-Berlin Fünfzigeuroscheine – und
überführt sie damit in eine ganz neue Dimension.


Am 4. April 2017 um 9 Uhr steht der Künstler Martin Schröder-Berlin in der Schalterhalle der
Deutschen Bundesbank, Filiale Berlin, Leibnizstraße 10. Es ist der Tag nach seinem 53.
Geburtstag, seine Wartemarke trägt die Nummer 53. Ein Kameramann ist vor dem Haus
postiert, beide haben Funkkontakt. Schröder-Berlin tauscht € 2650,- Bargeld gegen 53
druckfrische, aber leider nicht fortlaufend nummerierte 50-€-Noten der zweiten Generation,
die an diesem Tag Deutschlandpremiere feiern. Gegen 9:45 Uhr verlässt der wie immer
unauffällig aber adrett gekleidete Kunstaktionist das Gebäude, ein braunes Briefkuvert DIN
A5 klemmt unter seiner rechten Achsel. Beschwingt und redselig läuft er vor dem
Dokumentarfilmer Henning Stirner durch das morgendliche Berlin. Kurze Zeit später betritt er
in der Berliner Straße eine Filiale der Berliner Sparkasse. Dort unterhält Martin Schröder-
Berlin ein Schließfach im Safe. Genau 47 Stück der 50€-Scheine lagert er dort ein. Mit den
restlichen Banknoten tritt er seine Rückfahrt nach Ludwigsburg an. Sie sind sein Rohmaterial.


Eine 50-€-Note klebt auf einer beigen Mehrschichtholzplatte gleichen Formats. Etwas
unterhalb der Mitte des Scheins fehlt ein Quadrat mit 1,9 Zentimeter Kantenlänge. Schröder-
Berlin hat es rausgeschnitten. Auf der Rückseite des Multiples finden sich Signatur und die
vom Käufer gewünschte Auflagennummer. Zum Projekt gibt es eine, Preisvorstellung
genannte, progressive Preisliste, die jedem der 53 Objekte eine Summe zuweist. Auflage
1/53 kostet € 500.-, in Fünfzigerschritten steigt der Preis, so, dass Auflage 53/53 mit € 3100,-
zu Buche schlägt. Das ganze Werk firmiert unter dem Titel relativ 50, zweite Generation und
folgt auf die 2014/15 entstandene Triologie relativ 5, relativ 10, relativ 20 und relativ 50,
erste Generation von 2016.


„Ich habe zwei Freunde: Die Widrigkeit und den Widerspruch“, Martin Schröder-Berlin steht
in seinem Atelier in der Grönerstraße 34, Ludwigsburg. Er trägt zwei Hemden übereinander,
Jeans und Ledergürtel. Seit circa 20 Minuten erklärt er sein Konzept, in dessen Mittelpunkt
der Mensch stehe, gerne auch er selbst. Er sei sein eigener Künstler, sein eigener Galerist,
sein eigener Kunstvermittler und ist zweifellos sein eigener und schärfster Kritiker. All
inclusive, und es stimmt. Der 53-jährige teilt mit, „ich kann nicht malen, ich tue malen“. Er
hat sich selbst gemalt, formuliert und skulpturiert – und dabei seine eigene Person
herausgeschält, aus dem Großen und Ganzen, dem Ununterscheidbaren. Andere schöpfen
Kunst, Schröder-Berlin schöpft den Künstler.


Martin Schröder-Berlins Markenzeichen ist das ungemalte Quadrat. Es entsteht, wenn vier
Farbflächen so zueinander in Komposition stehen, dass in ihrer Mitte ein quadratisches Stück
der Untergrundfläche frei und dadurch sichtbar bleibt. Dieses Unmotiv steht zunächst für das
Nichts, aber auch für den Menschen, der dort nur sein kann, ja, der dort erst gedeiht, wo die
Augen-zu-und-durch-Gesellschaft noch nicht alles zugepflastert hat. In diesem kleinen
quadratischen Äckerchen, wo die normativen Strukturen unserer Welt ihren blinden Fleck
haben. Übertragen auf relativ 50 könnte dies bedeuten: Das ausgestanzte Quadrat erlöst das
Geld von seiner Fron Leitgedanke und Gradmesser, Existenzgewährer und Existenztilger eines
ganzen Planeten sein zu müssen. Durch die von Künstlerhand ausgeführten vier feinen
Skalpellschnitte verliert die Note nicht nur ihren Tauschwert. Das nominelle Wertsystem
selbst ist betroffen. Wer eine von Schröder-Berlins relativ 50-Auflagen erwerben möchte,
kann selbst entscheiden, ob er € 550,- oder € 3100,- dafür berappen möchte. Name your
price! Es ist wie bei einer Auktion, nur freier, einfacher: Der Kunstkäufer ist Auktionator und
Bieter in Personalunion, er gibt sich selbst den Zuschlag. Wen das verwirrt, der hat schon
verloren, zumindest wenn es mal so weit ist, und die relativ-50-Welt Gegenwart ist.


Doch gemach, Martin Schröder-Berlin ist kein Politiker, kein Attac-Mitglied und auch kein
linker Notenbankchef, sondern ein aufmerksamer Mensch. relativ 50 argumentiert zunächst
auf dem Feld der Kunst. Wie gesagt, benutzt und karikiert die progressive Preisliste die Praxis
der Kunstauktionen, mit ihren Tendenzkäufern, Trendscouts und gefaketen Buchmachern.
Kunstauktionen wiederum imitieren den internetgestützten Aktienhandel, der wie keine
andere Hervorbringung unserer modernen Gesellschaft das Irrationale in exakte Zahlen fügt.
Auf Grundlage einer gut kommunizierten Chimäre aus Aktienklimaprognosen
(Börsenwetter!), Self-fulfilling prophecies und Leerverkäufen. Diese Luftschlösser, die einen
beträchtlichen Raum in den Himmeln über unseren Städten und in den Köpfen der
Menschen einnehmen, lässt Martin Schröder-Berlin in seiner relativ 50-Aktion mit dem ihm
ureigenen stoischen Gleichmut und einer grundsoliden Lässigkeit platzen. Wer jemals für
einen entwerteten Fuffi auf einem Stück Mehrschichtholz dreitausend Euro hingeblättert hat,
der ist geheilt, geimpft und Zeit seines Lebens immun. Gerade weil beim Kunstkauf der
immer zu bezahlende ideelle Wert so zentral ist, entsteht diese heilsame Erfahrung. Wie alle
Kunstverkäufer fordert Schröder-Berlin von seinen relativ-50-Kunden, dem Kunstobjekt einen
ideellen Wert beizumessen. Der Kunstsammler tut dies gerne, da er somit auch den Kauf vor
sich selbst rechtfertigt. Diesen ideellen Wert in ein Landschaftsgemälde, in ein gelungenes
Fotomotiv oder auch in eine schwungvolle Holzfigur zu projizieren, ist ein Leichtes, ihn aber
einem Objekt zuzuschreiben, das auf jedem Quadratzentimeter geradezu penetrant seinen
(vormaligen) reellen Wert verkündet, fällt nicht leicht. Doch wer durch diese Therapie
gegangen ist, wer, den so erhebenden, wie absurden Moment durchlebt hat, jenen Moment,
in dem die rechte Hand 3100 Euro überreicht und die linke Hand ein Stück Holz mit
aufgeklebtem 50-€-Schein empfängt, der ist für sein Leben gefeit, denn er hat seinen
Heureka-Effekt in Sachen reelle/ideelle Werte gehabt.


Hansjörg Fröhlich


*= Slogan der Deutschen Bank im Wirtschaftswunderjahr 1959 mit dem sie einen
„persönlichen Klein-Kredit bis 2000 DM“ bewarb.